Cabo Verde

Journal São Nicolau

28. Aug - 18. Sep. 2011

Sonntag, 28. August

Zürich - Sal

Eine teure Panne: Die Pässe von Gertrud und mir sind zu Hause auf dem Scanner geblieben. Die Zürcher Polizei stellt uns Notfallpässe aus für 300 Franken. Sonst läuft alles wie am Schnürchen.
In Lissabon erreichen wir den Anschlussflug dank einem viertelstündigen Schnellmarsch. Es wird ein gespenstischer Flug, von den 300 Plätzen ist nur etwa jeder zehnte besetzt.

Montag, 29. August

Sal - São Nicolau

An meinem Geburtstag, um 0:10 Uhr, landen wir pünktlich auf Sal, wir werden tüchtig durchgeschüttelt und beim Aussteigen fast von der Treppe geblasen, Temperatur: 27 Grad.


Küche im Ponta Preta

Ein heller Morgen...

Dominique hat im Hotel Ponta Preta reserviert. Nach einer Viertelstunde Überlandfahrt durch stockdunkle Nacht melden sich bei Gertrud und mir erste Zweifel, ob sich der Taxifahrer wirklich auf der richtigen Route befindet. Dann ein brauner Wegweiser "Ponta Preta", aber das Taxi fährt daran vorbei. Nach einigen weiteren Minuten verlässt der Fahrer die Hauptstrasse und hält in einer unbeleuchteten Gasse vor einer abstossenden Häuserfront. Er steigt aus und ruft etwas gegen eine Bretterwand, ein anderer Mann taucht aus dem Dunkel auf und fordert uns auf ihm zu folgen. Wir stolpern 50 Meter zurück über ein holpriges Trottoir, treten durch ein schäbiges Gartentor. Dann ein Wunder: Der Nachtportier öffnet die Tür zu einem Bungalow mit hohem Standard! Wir schlafen alle drei sehr gut fast 5 Stunden, bevor wir nach Sáo Nicolau fliegen.


Landung in São Nicolau

Agoste Ramos erwartet uns am Flugplatz. Er lädt uns und die Koffer auf einen offenen Pickup und führt uns nach Preguiça. Mit wehenden Haaren fahren wir ins Dorf hinein. Er stellt uns unsere Wohnung für die nächsten 3 Wochen vor. Sie ist einfach, aber in toller lage im obersten Stock seines Hauses.
Wir packen aus und beginnen uns einzurichten. Plötzlich entsteht obn beim Dorfeingang ein Tumult. Aufgeregte Stimmmen rufen durcheinander, Kinder schreien wie auf einem Pausenplatz. Der Lärm wird lauter, die Leute im Dorf lassen alles liegen und laufen zum Dorfeingang hoch, rennen, rufen sich etwas zu, die ganze Strasse ist voller Menschen. Wir überlegen was da los sein könnte: ein Brand oder ist ein Zirkus angekommen. Gerade wollen wir auch hingehen, da kommt Agoste ganz zerstört die Treppe rauf und sagt, ein neunzehnjähriger Junge aus dem Dorf sei eben auf der Strassenbaustelle tödlich verunfallt.
Das Schreien der Menschen geht über in Heulen und Weinen, immer wieder werden kurze Sätze laut skandiert, manchmal ertönt eine Art Klageschrei einzelner Stimmen, der Schmerz und der Schrecken werden hinausgeschrien in abfallenden Glissandis. Ein ganzes Dorf trauert. Die andauernden Klagelaute der Menschen mischen sich mit den pausenlosen Schreien der Hähne im Dorf. Mit den Stunden werden die Ausrufe seltener, nur die Hähne schreien weiter in den Abend hinein.

Dienstag, 30. August


Fliegen, Fliegen...

Ein erster Tag in den Tropen mit ihren manchmal unangenehmeren Seiten: Feuchte 30 Grad beim Frühstück auf unserer Terrasse, nebelverhangener Himmel, massenhaft Fliegen und die falschen Leute, die wir um Dienstleistungen angehen. Zudem befinden wir uns in einem totalen Funkloch.
Um 13 Uhr haben wir das Mittagessen bestellt bei Maria in der Pension gegenüber unserer Wohnung. Wir fahren um 9 Uhr in die nahe Vila Ribeira Brava zum Einkaufen und bleiben dort hängen wegen einem unzuverlässigen Taxifahrer. Um 3 Uhr treffen wir bei der kochendheissen Maria und dem lauwarmen Essen ein. Aber der Fisch schmeckt allen vorzüglich.
Wir vernehmen zu spät, dass es in Vila Reibeira Brava mehrere öffentlliche WiFi-Zugänge der Gemeinde gibt. Ein Tag zum Vergessen.

Mittwoch, 31. August


Preguiça, beim Hafen

Preguiça ist ein kleines altes Dorf am Hang unterhalb des Flugplatzes mit einem Fischerhafen. Bei der ersten Besiedlung der Insel durch die Portugiesen war es ein Hauptort, Befestigungsanlagen und Hafenmole sind zerfallen. Das ganze Dorf macht einen kärglichen Eindruck. Viele Leute leben von den seltenen Gelegenheitsarbeiten und von der Unterstützung durch die Verwandten in der Diaspora. Der inselnahe Fischreichtum bringt nichts ein, die grossen Fänge übersteigen die Nachfrage bei weitem umd werden ins Meer zurückbefördert; einzig die Bonitos landen in der Konservenfabrik in Tarrafal.

Donnerstag, 1. September

Aguada

Sprühregen am Morgen , Hügel- und Bergkuppen sind nebelverhangen, es ist warm und sehr feucht. frühstücken können wir trotzdem auf der Terrasse unter dem Sonnendach.
Wir fahren mit dem Aluguer nach Vila zum Einkaufen und drücken uns alle drei in den Sperrsitz im Fond des Kastenwagens. Immer mehr Passagiere steigen zu, eine junge Frau quetscht sich noch zwischen Dominique und Gertrud. Dann schmeisst sie mit einem Ruck ihre Handtasche auf Gertruds Schoss, greift sich das Knäblein aus der vorderen Sitzreihe und setzt es auf ihre Beine. Der Aluguer ist am Schluss total aufgefüllt mit diskutierenden 17 Erwachsenen und etwa 5 Kindern, das ganze unterlegt mit einem stimmigen Afro-Latino-Sound des lokalen Radiosenders in voller Lautstärke .
Am Nachmittag klart es auf. Wir steigen hinter Preguiça eine Stunde hinauf zur Oase Aguada durch ein Gebiet, das früher offenbar recht intensiv genutzt wurde: zum Teil ist der Hang terrassiert, Felder sind durch Steinmäuerchen abgegrenzt, aber alles ist zerfallen. Nur einzelne Ziegen und Schafe sind zu sehen, obwohl das ganze Gebiet von einem frischen Grün überzogen ist nach den Regenfällen der letzten Wochen. Eine Tamariskengruppe und eine Brunnenfassung stehen allein in der ariden Landschaft.

Freitag, 2. September

Praia Gagan

Gegen Morgen zieht ein kurzes Gewitter über die Küste hinweg. Pfützen auf der Terrasse, einige verregnete Dinge und der tägliche Stromausfall sind für uns aber das kleinste Übel. Unsere Nerven werden bis zum Reissen strapaziert durch das fehlende Wasser, kein Tropfen fliesst mehr aus der Leitung, weder in der Küche noch im Bad noch in den leeren Spülkasten, obwohl die WC-Schüssel vollgekackt und der sonst vorsorglich gefüllte Wassereimer leer ist.
Um 8 Uhr taucht Agoste auf, um die Pfützen von der Terrasse abzuschieben. Selbstverständlich hat er eine Lösung für unser Problem. Er installiert einen Schlauch vom Reservoir unter der Terrasse zum Tank auf dem Bad. Das seltsame Objekt neben dem Spültrog in der Küche entpuppt sich als elektrische Pumpe und nach wenigen Minuten haben wir wieder Wasser.
In der vormittäglichen Hitze marschieren wir zum nächstgelegenen Sandstrand, Luftlinie 800 Meter. Wir benötigen fast eine Stunde im stark coupierten Gelände, der Schweiss läuft, kaum ein Windhauch ist zu spüren und - der Sand in der Praia Gagan ist fort. Agoste tröstet uns dann, das Meer bringe den Sand in den nächsten 2 Wochen schon wieder, das sei so im Herbst.

Samstag, 3. September

Einkaufen in Vila Ribeira Brava, die Verkäuferinnen legen uns sozusagen die Hände unter die Füsse und wir kaufen viel mehr als auf der Einkaufsliste steht. So verspäten wir uns. Und sehen unsere Sammeltaxis nur noch von ferne davonfahren. Mit den Einkaufstaschen stehen wir 90 Minuten beim Abfahrtsort, dann, wie die Sonne im Zenith steht und der Schatten unauffindbar wird, überrede ich ein Aluguer einer anderen Route, uns zum Taxipreis nach Hause zu stellen. Er stellt zuerst Kunden nach Moro. Es wird eine tolle Rückfahrt über eine für uns neue Route. Es ist ein strahlender Tag, über alle Felder erstreckt sich ein sattes Grün, das mit dem Regen der letzten Tage aufgeschossen ist. Der Fahrer macht einen Halt oberhalb Ribeira Seca und wir können in Ruhe die Aussicht über die fruchtbare Oase geniessen.
Wir nehmen uns vor, uns in Zukunft nach den Abfahrtszeiten der Sammeltaxis zu erkundigen.
Gegen Abend sieht Gertrud einen Pickup vorfahren, ein bärtiger Mann in braunem Mönchsgewand, und Schirmmütze auf dem Kopf steigt aus. In der einen Hand hält er eine Glocke, auf die er energisch mit einem Stock einschlägt und "Antonio!" ruft. Dann steigt er wieder ins Auto und kurz darauf ertönt das Gebimmel im unteren Dorfteil . Später hören wir, wie im Discoraum, der sich unter unserer Terrasse befindet, eine Messe gehalten wird.

Sonntag, 4. September


Sonntagmorgen im Innenhof


Milch für feinen Ziegenkäse

Ich erkundige mich am Morgen nach dem nächsten Aluguer in den Nachbarort. Am Sonntag fahren jedoch die Sammeltaxis anders als unter der Woche, das nächste nach Calejão erst am Nachmittag, lautet der Bescheid. Also verbringen wir den Tag auf der Terrasse unter dem Sonnendach, was Dominique auch recht ist, er hat Magenprobleme.
Gegen 11 Uhr taucht Agoste auf, sonntäglich gekleidet, mit Fegeimer und Putzlappen. Das Mädchen aus der Familie seiner Frau, das sonst putzt, hat heute frei. Er bringt das Bad auf Hochglanz. Dann setzt er sich zu uns zu einem Kaffee und wir kommen in den Genuss von News aus dem Dorf und vielen Stories. Agoste ist 38 Jahre lang zu Wasser gefahren, zuerst auf Flusschiffen in Europa, einmal fast bis in die Schweiz. Dann war er unterwegs von der Nordsee bis Westafrika und Moçambique. Zwischendurch kehrte er immer wieder nach Preguiça zurück und baute an seinem grossen Haus weiter.
Eine seiner Geschichten beginnt 1966. Vor São Nicolau verschwindet spurlos ein Fischerboot mit 8 Fischern, alle aus derselben Familie. 1999 trifft er in Stavanger einen Landsmann, der ihm von einem andern berichtet, der aus São Nicolau stamme, von einem Boot Marisa. Agoste versteht sofort, dass es sich um das verschwundene Fischerboot handeln muss. Er kann den fraglichen Mann treffen und erfährt den Hergang des Verschwindens. Die Marisa sei von einem russischen Tanker gekindnappt, der Fang an Bord geholt und darauf das Fischerboot in Trümmer gefahren worden. Für die Fischer hätten sich keine Fluchtmöglichkeiten ergeben. Von den 8 Entführten lebten jetzt noch vier. Der Fischer wurde nach dem Gespräch mit Agoste abgeschotet, Agoste konnte keine Fotos oder andere Belege für den Bericht beschaffen. Seemannsgarn?

Montag, 5. September

Heute wollen wir uns einen gemütlichen Tag machen: am Vormittag nach Calejão, Mittagessen bei Maria und am Nachmmittag einkaufen in Vila Ribeira Brava.Zu unserem Leidwesen fuhren die Sammeltaxis nicht wie gewünscht, wir hatten lange, ermüdende Wartezeiten, bis endlich ein Aluguer auftauchte.


Motorschaden

An unserem zweiten Tag hier sprach uns ein Deutscher an, der 3 Wegstunden von Preguiça eine Ruine gekauft hat und jetzt am Renovieren ist, immer in dreimonatigen Etappen. Er wartet jetzt auf Zement. Hie und da treffen wir ihn zufällig, gestern fuhr er mit einem alten Jeep herum und war am Arbeiten mit drei Einheimischen. Heute Abend auf dem Heimweg von vila Rebeira Brava steht dieses Gefährt blockiert vor uns auf der Strasse mit Kühlerschaden, Wasser nachfüllen hilft nichts mehr, alles läuft unten raus. Wie unser Fahrer John wieder losfährt, sucht der Pechvogel in einem Telefonbuch nach Hilfe.

Dienstag, 6. September

Tarrafal

Heute fahren wir nach Tarrafal, Stadt an der Südküste und einziger Hafen der Insel. Die Wolken hangen tief an den Berghängen herunter, und in Ribeira Brava laufen die Leute mit Regenschirmen umher. Es ist tropisch feuchtwarm, aber von Regen keine Spur. Eine neue Strasse führt von Meereshöhe am Fuss des Monte Gordo vorbei durch ein unglaublich fruchtbares Gebiet. Besonders beeindruckend die vielen Felder mit Mais und Bohnen, sie liefern die Grundlage für die Cachupa, der Nationalspeise der Kap Verden. Am Scheitelpunkt der Verbindungsstrasse auf über 700 Metern ändert sich das Wetter schnell, blauer Himmel, Ausblick auf den Atlantik im Süden und hier, im Windschatten des höchsten Berges von São Nicolau erstreckt sich eine ausgedehnte Trockenzone bis an den Strand.
Tarrafal hat einen anderen Charakter als Ribera Brava, die Stadt ist grösser, blendend hell und heiss. Die Menschen suchen den Schatten und haben Sonnenschirme mit sich. Wir bleiben nur kurz und kehren mit einem Sammeltaxi, einem Aluguer, zurück auf die Windseite der Insel.
Wir sind fast nur mit Aluguer unterwegs, nur in Ausnahmefällen nehmen wir ein Taxi und zahlen den Aufpreis, um dann allein und zügig transportiert zu werden. Jede Fahrt mit Aluguer ist ein Erlebnis, Überraschungen sind garantiert und transportiert werden nicht nur Personen. Da stoppt der Fahrer vor einem Schuppen und lädt ein gewaltiges Stück Manjok in den Gepäckraum. Immer wieder hupt der Fahrer und macht so auf freie Plätze aufmerksam. Eine Frau winkt und setzt ein kleines Mädchen mit einer grossen Kühlbox ins Auto, geht davon und überlässt die heulende Kleine ihrem Schicksal; eine halbe Stunde später wird das Kind wohlgemut am Bestimmungsort aussteigen. Ein anderes Mal ist der Kleinbus schon vollbeladen mit Einkäufen für das Wochenende und jeder Sitzplatz besetzt. Trotzdem sollen wir drei noch aufgeladen werden, Dominique hat gewinkt, auf offener Strecke, wohlgemerkt. Eine Frau übernimmt das Kommando und bestimmt, wie Schlanke und Voluminöse umverteilt werden sollen und wer was auf den Schoss nimmt. Der Fahrer wartet geduldig, bis die Schiebetür geschlossen wird. Nach einigen Minuten Fahrt winkt ein Landarbeiter. Er schimpft alle Zeichen, als ihn der Fahrer zwischen die jungen Frauen hineinsetzen will. Am Ende gewinnt der Bauer, er darf wieder aussteigen und sich mit seiner Stielharke hinten in den Gepäckraum quetschen. Der Aluguer ist in Ribeira Brava schon vollbesetzt, Frauen laden ein grosses Plasticbecken ein mit riesigen Fischen. John, der Fahrer taucht auf mit einer Spraydose und betätigt sie über dem Tüchlein, das die Fliegen von den Fischen fernhalten soll. Da stellt jemand noch ein zweites Fischbecken ins Auto, der Geruch wird noch stärker. Die Fahrt geht los. In Moro werden zwei grosse mit Streusel garnierte Torten aus dem Haus getragen und sorgfältig im Bus abgegeben inklusive Anweisungen. Der Lärm im Auto ist unglaublich, die Jungen sitzen in Zweierrreihe hintereinander, aber auch der Hinterste und die Vorderste sollen von allen gehört werden. Johns Autoradio ist auch laut aufgedreht. Einige 100 Meter vor Preguiça hält der Bus, ein Junge kraxelt mit den Torten eine Erdböschung hinauf zu den Bestellern und steigt wieder ein.

Mittwoch, 7. September

Die Cachupa mit Huhn von gestern bekommt mir und vor allem Gertrud nicht gut. Wir müssen unseren Tagesausflug nach Junacalinho verschieben. John ist es auch recht, wenn er nicht fahren muss, er hat gestern falsches Wasser erwischt. Dominique und ich fahren mit ihm zum einkaufen nach Ribeira Brava.
Maria hatte für uns einen Lunchkorb bereitgestellt. Sie meint, ihr Michele esse nie mehr auswärts, immer nur bei ihr. Und morgen wird sie Gertrude eine Gemüsesuppe kochen, die sei das Richtige in einem solchen Fall.

Donnerstag, 8. September

Ribeira Seca

Maria stellt Gertrude eine ganze Schüssel Gemüsesuppe hin, Dominique und ich dürfen auch. Sie schmeckt uns ebenso wie die gesottenen Makrelen. Maria betreibt im Nachbarhaus eine Pension und verköstigt auch weitere Gäste wie uns. Sie hat acht Jahre in Rom gearbeitet, seit der Heirat wohnt sie hier mit Kindern und Grosskindern. Sie kocht die Menues nach unseren Wünschen, von der Cachupa bis Lasagne liegt alles drin, sogar Tiramisu.


Früher eine fruchtbare Oase

Jetzt fast unzugänglich
Der Himmel ist bedeckt. Dominique und ich nehmen ein Taxi in die Oase Ribeira Seca. Der Fahrer versichert sich bei der Ankunft nochmals, ob wir tatsächlich in diese menschenleere Gegend wollen. Das Land wird seit einer schweren Überschwemmung vor mehreren Jahrzenten nur noch extensiv genutzt. Palmenhaine müssen einst hier gestanden haben, wir sehen noch Stümpfe und nur einige wenige Kokospalmen mit Früchten. Auch die Bananenplantagen sind verschwunden. Die ganze ausgedehnte Infrastruktur von früher ist überwachsen oder stark beschädigt. Eindrücklich sind die Reststücke der gepflästerten Strasse, die am Osthang auf die Hochebene führte.

Freitag, 9. September

Joancalinho


Joancalinho

John Rosario wohnt gleich neben dem Haus Ramos und führt seinen Aluguer-Betrieb allein. Er ist der geborene Fremdenführer auf dieser Insel, er kennt alles und jeden hier wie es scheint. Er spricht englisch und erzählt gerne viele aufschlussreiche Einzelheiten.
John fährt uns nach Juncalinho mit seinem Kleinbus. Die einst offensichtlich gute Strasse nach diesem Dorf an der Nordostküste ist zu einem grossen Teil zerstört seit den Unwettern der letzten Jahre und an vielen Stellen nur notdürftig geflickt, damit Autos durchkommen. Es ist unglaublich, welche Wassermassen da niedergegangen sein müssen, an einigen Orten sehen wir flache Landstücke, die durch frisch ausgespühlte Gräben zerfurcht sind. Die ganze Strecke der Nordküste östlich von Ribeira Brava ist eine Stein- und Felswüste. Der attraktivste Teil in Joacalinho sind die Lagoas, grosse natürliche Wasserbecken auf Meeresniveau. An dieser Stelle findet jährlich ein Musikfestival statt .

Samstag, 10. September

Calejau - Cabeçalinho

Um acht Uhr fahren wir mit John nach Calejao. Beim Krämerladen lässt er uns aussteigen. Ein junger Mann steigt unvermutet ebenfalls aus, eigentlich hatte er weiter fahren wollen mit diesem Aluguer. Zu unserem Erstaunen spaziert er vor uns den Fussweg hoch nach Cabeçalinho jenseits des Bergzuges. Er erklärt, dass er nach Tarrafal müsse und durch diese Abkürzung billiger hin komme als mit dem Aluguer. Er heisst Auguste und wohnt in Preguiça in unserer Nachbarschaft.


Aufstieg auf 700 m

Am Horizont der Monte Gordo
Wir folgen dem gepflästerten Weg zwischen Häusern und Anpflanzungen bergauf. Er wird schmäler, überwachsen durch Gras und Stauden. Dieser Pfad über den kleinen Pass auf knapp 700 Metern über Meer war früher die gängigste Verbindung von der Ostseite der Insel nach Tarrafal. Im mittleren Teil des Aufstiegs ist der Pfad zerstört durch eine neu verlegte Wasserleitung und einige Wegstücke sind heute Bachbett bei Regenwetter. Das oberste Drittel ist weitgehend intakt, in einer weiten Schlaufe aus dem Felsen ausgehauen mit solider Brüstung gegen die Talseite. Die Aussicht ist grossartig an diesem strahlenden Vormittag, der Atlantik ist rings um die ganze Ostseite der Insel zu sehen. Die Vegetation wird hier oben optisch dominiert von unzähligen Agaven in allen Grössen und Stadien.
Auf dem Scheitelpunkt verlässt uns Agoste und saust direttissima hinunter nach Cabeçalinho. Wir nehmen es gemütlicher. Gegenüber erhebt sich die Piramide des Monte Gordo in den klaren Himmel. Die Hänge auf unserer Talseite werden als Weiden und im Trockenanbau genutzt.

Sonntag, 11. September


Sonntagmorgen am Hafen in Preguiça

Preguiça ist ein Dorf, wo die Jungen die grösste Bevölkerungsgruppe bilden. Abends und übers Wochenende erst recht ist das unüberhörbar, für die Älteren, die daran nicht teilhaben wollen, sind Ohrstöpsel unbedingt angezeigt. Schon am späten Nachmittag des Samstags beginnt die einheimische Musik ab Konserve in einer Tanzdiele rechts der Strasse, an der wir wohnen. Wir hören die Kapverdische Musik gerne und haben Freude daran. Beim Einnachten kommen auch andere Stilrichtungen zum Zug und dieser Sound in gemässigter Lautstärke erklingt bis Mitternacht. Aber ab dem frühen Abend hören wir nicht mehr viel davon: links der Strasse, zwei Häuser von unserer Wohnung entfernt, legt eine Disco los mit einer Lautstärke, welche bei uns die Betonwände rhythmisch zum Wippen bringt. Die Elektrizität wird um Mitternacht zur Feier des Wochenendes nicht ausgeschaltet, wie sonst jede Nacht in dieser Woche. Wir Wir hören also bis 2 Uhr morgens rechts einheimische Morna + Co. und links markerschütternde Bässe und Interferenzen. Um 2 Uhr erwache ich, weil es plötzlich so still ist.
Und um 10 Uhr morgens beginnt das Stereokonzert von vorn. Es dauert nur bis zum Eindunkeln um 7 Uhr.

Montag, 12. September

Der 12. September ist Nationalfeiertag der Kap Verden. Maria informierte uns, an diesem Tag wären alle Geschäfte geschlossen. Das stimmt nicht ganz, heute läuft fast alles wie gewöhnlich. Einzig um die Mittagszeit hört Gertrud den neuen Präsidenten der Kap Verden, George Fonseca, im Radio eine Rede halten und der Töggelikasten vor unserer Terrasse ist heute von Erwachsenen besetzt.

Dienstag, 13. September

Vergeblich versuchen wir heute, das Reisejournal zu aktualisieren und Mails abzurufen: Die Verbindung mit Swisscom-Servern ist nicht möglich. Im TACV-Büro in Vila lassen wir unsern Rückflug bestätigen. Alles scheint in Ordnung. John kann uns nicht zum Ausgangspunkt für den Monte Gordo führen, es braucht einen Wagen mit Allradantrieb. Er vermittelt uns einen seiner Kollegen mit einem geeigneten Fahrzeug.

Mittwoch, 14. September

Monte Gordo

Der Fahrer im Ford-Geländewagen stellt sich vor als "Honey", hat ein strahlendes Lächeln mit blendendweissen Zähnen. Nach der ersten Viertelstunde, bei einem Stopp in Vila, verlangt Gertrud, den Platz mit mir zu tauschen, sie könne den Augen von Honey im Rückspiegel nicht ausweichen. Honey fährt auf der Hauptstrasse ruhig und langsam, sobald die Bergstrecke beginnt, zeigt er, was der Wagen kann. Bereits vor dem Parkeingang umfängt uns der Nebel, aber es ist trotzdem warm auf 1000 m über Meer. Der Empfang beim Eingang des Parks ist unprofessionell und die zur Verfügung gestellten Unterlagen rudimentär, die ganze Anlage ist erst im Aufbau. Der Wind rauscht durch die hohen Bäume, Nebelschwaden ziehen vorüber, nur einmal haben wir kurz Aussicht auf Cabeçalinho hinunter. Die riesigen Agaven sind eine eindrückliche Struktur in dieser einzigartigen Umgebung. Auf der Rückfahrt durch Feja entschliessen wir uns, am Donnerstag diese Gegend zu besuchen.
Zu Hause teilt uns Agoste mit, das TACV-Büro habe seiner Schwägerin mitgeteilt, ein Flugzeug der TACV habe eine Panne und unser Flug vom Samstag sei erst um 15:30 Uhr. Wir sind irritiert, ist dies der Checkin oder der Abflug?

Donnerstag, 15. September

Cajaço - Feja Baja

Der Start unserer Wanderung ist Cachaço, wo wir uns durch ein Aluguer absetzen lassen. Bevor der Fahrer weiterfährt, erkundigt er sich besorgt, ob wir wirklich an dieser Stelle aussteigen wollen. Wir befinden uns genau am Start für unsere Wanderung, die etwa 550 Meter hinunter führt nach Feja Bajo. Es geht stetig bergab, manchmal über einen Maultierpfad, aber auch über Wiesen durch hüfthohes Gras oder ein ausgewaschenes Bachbett . Die ganze Gegend hier am Nordhang des Gordo ist ausserordentlich fruchtbar, Wasser ist vorhanden dank eines Grundwasserbeckens , das von Franzosen mittels eines Galeriestollens erschlossen wurde. Neben Mais, Bohnen, Gemüse und Wiesen hat es viele Blütenpflanzen (Lantanen, Oleander), Palmen und prächtige Drachenbäume.

Freitag, 16. September

Endlich gelingt es uns wieder einmal, eine Internetverbindung herzustellen, das Reisejournal zu aktualisieren, Mails abzurufen, zu simsen und von der Markthalle aus zu telefonieren. Ein Gespräch mit Nicole dauert beinahe 10 Minuten und kostet uns gerade 120 Escudos Fr. (1.20). Den Rest des Vormittags streifen wir kreuz und quer durch Vila Ribeira Brava und Dominique und Gertrud schnüffeln in vielen Läden nach Trouvaillen, häufig in Geschäften von Asiaten, die hier jeden Krimskrams und viel Nützliches für den Alltag anbieten. Zurück nach Preguiça fahren wir mit einem Fahrer, der nicht im Dorf wohnt - und verärgern prompt unseren Nachbarn John Rosario.
Wir versuchen in Erfahrung zu bringen, was genau gemeint ist mit der Flugverschiebung. Aber auf dem Flugplatz landen hintereinander mehrere kleinere Flugzeuge und das Personal im Büro muss bei der Abfertigung am Rollfeld mithelfen, niemand ist für eine Auskunft erreichbar. Maria und Agoste erklären uns, dass die Passagiere bis auf weiteres halt in Kleinflugzeugen in mehreren Flügen nach Sal gebracht werden müssten, bis die grossen zweimotorigen Maschinen wieder repariert seien. Gertrude ist gar nicht erfreut über solche Aussichten...


Rücktransport des Kirchenmobiliars
Im Haus Ramos sind gegenwärtig grosse Änderungen im Gang. Im Raum unter unserer Terrasse, wo vor 14 Tagen die Messe gelesen wurde, wird eine Bar mit zwei Playstations und TV eingerichtet. Nach Anleitung von einem Sohn Marias (Mechaniker) und Agostes Sohn Antonio (Schreiner) werden Stühle, Tische, Bänke und Gestelle durch eine Gruppe Handlanger hergestellt,. Die Jungen werkeln mit ungeeigneten Werkzeugen fleissig drauflos und malen zum Schluss alles weiss und blau an. Die ganze Hausfassade bekommt ebenfalls einen neuen blauen Anstrich, etwas dunkler als der alte.

Samstag, 17. September

São Nicolau - Sal

Dominique fährt mit John nach Vila und wird Zeuge des Verdrängungskampfs der Aluguerfahrer. Johns Auto steht vor seinem Haus und einige Kunden warten daneben. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite steht ein anderer Aluguer, sein Fahrer sitzt daneben am Boden. Da kommt John aus der Haustür und beginnt diese sorgfältig abzuschliessen in einer umständlichen Prozedur mit verschiedenen Schlüsseln, so wie immer . In diesem Moment erhebt sich der Fahrer gegenüber, steigt ein und startet den Motor. Alle Kunden bei Johns Wagen begeben sich zur Konkurrenz gegenüber und beginnen einzusteigen und Waren aufzuladen. Dominique steigt zu John ins Auto und hört sich seine Klagen über den Verdrängungskampf an. Das TACV-Büro in Vila ist am Samstag geschlossen und auch sonst kann niemand Dominique Bescheid geben über die Startzeit unseres Flugs. Dann taucht Agoste auf und weiss zu berichten, sein Schwager sei sicher, das Büro habe ihm die Abflugzeit mitgeteilt: 15.30 Uhr.


Maria im Vorgarten ihres Hauses
Es ist eine tolle Pizza, die uns Maria serviert, wir haben das Mittagessen auf 11 Uhr vorgezogen, um den Abflug nicht etwa zu verpassen. Wir sind fasziniert vom luftigen Haus, wo sie ihr Home-Restaurant betreibt. Es besteht aus hohen Räumen, viele sind offen, aber von Sonne und der heissen Luft abgeschirmt. Einzig das Esszimmer, vielleicht ihr Wohnzimmer, ist oft stickig heiss. Zum Abschied stellt sich unsere Köchin für eine Foto neben ihre Bananenstaude im Vorgarten.
Um 15 Uhr laden wir unsere Koffer ins Aluguer, das mit dem Namen "Cachupa" bemalt ist, und verabschieden uns von Margrite, Agoste sagt, er komme zum Flugplatz und marschiert los. Marschieren gehört zum täglichen Fitnessprogramm von ihm und Margrite, ihr Sohn Antonio joggt. Und nach einer guten halben Stunde taucht Agoste vor dem Flughafengebäude auf. Er sagt, er wolle warten, bis wir tatsächlich abfliegen: eine Stunde nach unserem Checkin ist noch keine Maschine zu sehen.
Er setzt sich zu uns in den Warteraum und erzählt, was es auf sich hat mit der Bar in seinem Haus. Ein Angestellter der Flugplatzfeuerwehr wird mit seiner Frau in die Wohnung dahinter einziehen, die zwei wollen selbständig den Betrieb führen. Es ist das erste Mal, dass sie etwas in dieser Richtung machen. Agoste meint, die beiden hätten darin bereits sehr viel investiert und das Risiko sei beträchtlich. Im Mai dieses Jahres seien die Pläne langsam konkret geworden. Am Sanktantoniustag (17.1.2011?) war jedoch die Statue des Heiligen in einer Prozession in Agostes Raum gebracht worden samt Kirchenbänken. Seither war die Messe eben unter unserer Terrasse gelesen worden, am ersten Samstag unseres Urlaubs hier offenbar zum letzten Mal. Dann griff Agoste durch und verlangte vom Priester, dass die Kirche zu diesem Zweck benutzt werde und nicht der private Raum. Die Kirchenbänke liess er zurückbringen, wie es dem Heiligen Antonius ergangen ist vergesse ich zu fragen.
Agoste hat sechs erwachsene Kinder. Zwei leben auf anderen Inseln der Kap Verden, zwei in Europa mit Touristenvisa und ohne Aussicht auf eine Anstellung, zwei Söhne leben und arbeiten auf São Nicolau. Agoste selber ist erst 2008 endgültig auf die Insel zurückgekehrt, verfügt aber über ein Dauervisum für Deutschland, kann also frei im Schengenraum reisen. Er möchte auf einer nächsten Reise Robert besuchen, den pensionierten Holländer in der Nähe von Oldenburg, der das rote Auto vor der Casa Ramos abgestellt hat. Er ist jedes Jahr von Mai bis Juli in der Ferrienwohnung, bäckt der Familie Apfelkuchen und lehrt die Kinder Deutsch. Der Sohn von Robert ist Elektriker und wollte eigentlich Ende Oktober kommen um Installationen zu machen; wegen der angespannten Lage in seiner Firma scheint es aber dieses Jahr unsicher, dass er sich frei machen kann.
Mit grossem Getöse parkiert unsere Maschine vor dem Flughafengebäude. Agoste steht mit einem Ruck auf, jetzt ist er sicher, dass wir weg kommen. Nochmals ein Händedruck, ein Klaps auf den Rücken und ein "Geh mit Gott!"